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Grenzenlos Kultur Montag 19.09.

THEATER AN DER PARKAUE & norton.commander.productions

Peter und der Wolf

Erstmal gibt es Musik auf die Ohren. Es viele verschiedene musikalische Stile, „und wir zeigen euch heute: Alle!“, verkünden Lutz und Ole. Los geht es mit Techno, dazu wird nur ein kleines technisches Gerät benötigt. Nun ja, Techno, sehr technisch. Das kommt gut an. Genauso wie die Videoeinspieler, in denen die beiden Musiker entsprechend der Stile verkleidet posieren.

Entstanden 1936 aus der Feder von Sergei Prokofjew soll Peter und der Wolf Kinder mit den Instrumenten des Sinfonieorchester vertraut machen. Jeder Figur bekommt ein eigenes Instrument und ein eigenes musikalisches Thema zugeordnet. Ein Sinfonieorchester gibt es hier und heute nicht, es sind ja auch beinahe 100 Jahre vergangen und in der Welt der Musikinstrumente und Stile hat sich vieles verändert. Wie gut, dass uns Ole & Lutz mal einen Überblick verschaffen.

Da wäre zum Beispiel die Landmusik, manche sagen auch Katzenmusik, dazu braucht man hauptsächlich eine Waschmaschine, also ein Waschbrett. Oder Flamenco: neben der Gitarre sind die Kastagnetten unverzichtbar. Olé! Und dann holt Lutz eine Säge hervor. Jetzt müssen wir besonders leise sein, um die Säge beim heulen zu hören. Dann kommt nach dem Volkslied die Oper, gefolgt vom Rap und als es zum Heavy Metal geht, macht sich große Zustimmung breit im jungen Publikum. „Ja! Endlich die Gitarren!“. Die Zwei-Mann-Band lässt es noch einmal richtig krachen, als dann überraschend schnell die Instrument zusammengepackt und von der Bühne geschoben werden. „Ja, Kinder, das war’s dann, mehr Stile gibt es nicht.“ Aber nicht mit uns, wir wollen mehr, und das machen wir auch lautstark deutlich. „Ihr seid ja immer noch da! Was wollt ihr?“ Was wir wollen? „Peter und der Wolf!“

Nun gut. Zu aller erst brauchen wir eine Erzählerin und die ist auch schnell gefunden. Eine Stimme aus dem Off fängt an, in die Geschichte zu leiten. Und dann, innerhalb eines Augenzwinkerns erleuchtet der Märchenwald auf der Bühne und lässt ein Raunen durch das Publikum ziehen. Auf die zuvor schwarzen Bäume werden lebendigen Zeichnungen projiziert, der Boden ist übersät mit weißen Papierschnipseln, die im Schwarzlicht geheimnisvoll glühen. Mittendrin Peter, vergnügt und gut gelaunt. In den Projektionen der Bäume erscheint ein Vogel und schwingt sich gekonnt von Ast zu Ast, dann tanzt die Katze von Baum zu Baum und lauert auf ihre Chance. Der Großvater und die Ente, alle sind sie da und aus der Musik, wild und modern, lassen sich bei genauem Zuhören viele Musikstile wiedererkennen.

Originell und besonders komisch wird es am Ende, wenn sich Ole und Lars recht unzufrieden über den Verbleib der Ente Gedanken machen. Denn bei allem Verständnis eines guten Endes bleibt in diesem Fall stets die Ente im Bauch des Wolfs, vergessen für immer. Ole möchte wenigstens eine Anleitung geben, wie man ordentlich eine Ente zubereitet, Lars ist das aber viel zu makaber. In seiner Vorstellung bekommt der Wolf Mitleid mit der Ente, die in seinem Bauch traurig quakt, und spuckt sie wieder aus. Die beiden verstehen sich daraufhin so gut, dass sie heiraten und für immer zusammen bleiben. Und wenn sie nicht gestorben sind… oder wie heißt es auch: Ente gut, alles gut.

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Grenzenlos Kultur Donnerstag 15.09.

MONSTER TRUCK

Der Glöckner von Notre Dame

GloecknerVonND GrenzenlosKultur

In Gruppen zu fünf Personen werden wir in den Saal gebeten. Von einem Ritter bekommen wir schalldichte Kopfhörer, die per Funk mit Musik bespeist sind. Sie sind an eine Schubkarre gebunden, die wir im Folgenden vor uns her schieben müssen, während wir ununterbrochen im Kreis durch den Raum pilgern. In der Mitte des ansonsten leeren Raumes steht eine vier mal fünf Meter große und einen knappen Meter tiefe Wand, vielmehr ein schmaler Kasten, aus verputzen Rigipsplatten. Auf einer Längsseite ragen auf dem Boden Gipsbeine aus der Mauer, während auf der anderen Seite ein ganzer Mensch aus Gips am oberen Ende klebt, mit dem Kopf nach unten, als habe man ihn aufgehängt. Der Saal ist gefüllt und wir bewegen uns in einem großen Ring aus Menschen und Schubkarren um die Wand herum. Kindlich verstellte Stimmen begrüßen uns über die Kopfhörer. Fünf Namen stellen sich vor und erklären, welchen Part sie beim Glöckner von Notre Dame übernehmen werden. Manuel beispielsweise will unbedingt der Ritter sein, da er das früher in der Schule schon einmal wollte, aber letztlich den Glöckner spielen musste. In dieser fröhlich, naiven Stimmung geht es weiter im Kreis. Dann werden auf beide Seiten der Mauer Ausschnitte aus Verfilmungen der Geschichte projiziert und darauf aufmerksam gemacht, dass doch eigentlich Notre Dame die Hauptfigur ist und nicht der Glöckner. Auch die Geschichte wird schnell rekapituliert. Immer weiter im Kreis, ansonsten gibt es eine Ermahnung vom Ritter.

Schließlich wird die Verfilmung mit Gina Lollobrigida und Anthony Quinn gezeigt, von Anfang an. Die Stimmen im Ohr sind verschwunden, es ist nur noch der Originalton des Films zu hören. Wir drehen uns weiter im Kreis herum, als auf beiden Seiten der Mauer das Leben anfängt zu toben. Es klopft, ein Finger dringt aus der Wand. Aus einem anderen Loch streckt sich eine Hand, reicht einer weiteren Hand einen Eimer voll Kleister. Durch tiefere Löcher wird der Eimer weiter gereicht. Die Gipsbeine fangen an sich zu bewegen ein in einem weißen Maler-Overall verkleideter Performer befreit sich aus der Mauer. Aus der Wand fallen Gipsrollen. Augen schauen aus der Wand, eine Zange kommt zum Vorschein, die rabiat an der Vergrößerung des Lochs arbeitet. Eine Performerin versucht, ihren Kopf herauszustrecken. Über einem Motorradhelm trägt sie eine Perücke mit langem, gelocktem Haar. Die Mauer wird mit Gipsrollen und Kleister wieder geflickt, aus neuen Löchern erscheinen weitere Gegenstände. Eine Klingel schaut heraus und wird geläutet. Ein Mikrofonständer, darauf ein Mikrofon und anschließend nach und nach gelb blinkende Bauleuchten verlassen die Mauer, in einem Halbkreis wird alles aufgestellt. Ein anschwellender Bass wummert aus den Lautsprechern im Saal, eine unverständliche Mischung aus Baulärm, Glocken und Flugzeuggeräuschen. Esmeralda steht in einem langen, dunkelroten und mit Stehrock versehen Kleid an der Mauer. Hände sprühen ihr Haarlack auf die Perücke. Mit dem Ritter posiert sie wie ein Brautpaar.

Esmeralda wird majestätisch auf einer Schubkarre im Kreis gefahren. Zwischen den Bauleuchten umgarnen und umarmen sie sich. Ihm wächst ein Buckel, immer größer. Ein Priester ist aus der Wand gekrochen. Quasimodo reicht Platten nach draußen, der Priester vernagelt die Löcher damit und schließt Quasimodo wieder ein. Musik ertönt durch Lautsprecher und Kopfhörer, Esmeralda Dance me to the end of love. Ein beinah unhörbare Stimme macht daraus ein Duett. Der Zug aus Schubkarren kommt zum Erliegen. Die Performer verlassen den Raum und ziehen um das Gebäude, gefolgt vom Publikum, bis es sich langsam auflöst. In der Ruhe nach dem Sturm schmerzen die Beine. Fragen kommen auf, ob der vielen Eindrücke erscheinen sie aber nicht wichtig. Bisweilen überfordert und bisweilen gefesselt, so dass man regelrecht alles um sich herum vergaß, war man abgetaucht an einen seltsamen Ort. Wo immer dieser Ort auch gewesen sein mag.

GloecknerVonND GrenzenlosKultur

 

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Grenzenlos Kultur – Donnerstag 15.09.2011

OHRENKUSS

Mongolisch ist Mongolisch und klingt wie Mongolisch

Mongolisch Ohrenkuss GrenzenlosKultur 2

Man hört tagtäglich vieles, und das Meiste davon geht in das eine Ohr hinein und aus dem anderen sogleich wieder heraus. Wenn aber doch einmal etwas wichtig ist und hängen bleibt, aus dem Kopf nicht wieder heraus will, dann ist das: ein Ohrenkuss. Ohrenkuss ist auch ein Magazin, in dem fast alle Texte von Menschen mit Down-Syndrom erstellt werden. Alle zwei Wochen treffen sich die ca. 20 AutorInnen in Bonn zur Redaktionssitzung. Regelmäßig sind sie auf Lesungen unterwegs und stellen ihre Texte einem gespannten Publikum vor. So auch in Mainz im Innenhof des KUZ, als an einem der letzten Sommerabende unter freiem Himmel Verena Günnel, Julian Göpel und erstmals Marley Thelen aus einem Bericht einer Reise in die Mongolei vorlasen.

Im Jahr 2005 machte sich die Redaktion des Ohrenkuss auf eine Reise in die Mongolei. „Mongoloid“, so nannte man aufgrund ihres Aussehen Menschen mit Trisonomie 21, Menschen die das 21. Chromosom dreifach haben. Die allgemein anerkannte Bezeichnung ist Down-Syndrom, und „Mongoloide“ wird leider noch immer als Schimpfwort benutzt, um Menschen mit Down-Syndrom zu verletzen.

An diesem Abend in Mainz ist davon aber nichts zu spüren, denn selbstbewusst  und ohne große Umschweife fangen die drei AutorInnen an, aus den Berichten vorzulesen. Sie erzählen von Dschingis-Kahn, dem großen Eroberer, der auf Pferden ritt und oft kämpfte, und posieren einen Augenblick. Die Mongolen sind Eroberer, die im 13. Jahrhundert ein Weltreich errichtet hatten, heißt es.

17 Tage dauerte die straff organisierte Tour durch die Mongolei, in der die RedakteurInnen selbst auf Pferde stiegen und Pfeil und Bogen in die Hand nahmen. Veronika Hammel schreibt: „Das Bogenschießen war schön. Ich hab‘ die Pfeile in die Luft geschossen. Ich hab‘ den Bogen steil gehalten, ich hab‘ den Bogen in die Luft geschossen und die sind auch gut wieder gelandet.“

Die Mongolei ist weit entfernt von Deutschland und weit und lang ist auch die Landschaft in der Mongolei. Aber verbunden durch durch den Horizont, an dem für den einen die Sonne auf und für den anderen unter geht. Veronika Hammel schreibt in poetischen Zeilen:

„Die Tür der Zelten gehen in Osten auf, da geht auch die Sonne auf.

Horizont: das sind die Berge und die Wiese.

In der Mongolei gibt es viele Steppen.

Die Horizont ist am Himmel und da geht die Sonne unter.
Und am anderen Horizont geht die Sonne auf.“

Verena Günnel erzählt zwischendurch, wie sie in einem Tempel einen Mongolen fragt, ob dieser Hobbys habe. „Nee, der hat keene Hobbys“, erzählt sie flott weiter, er säße nur den ganzen lieben Tag im Tempel und meditiere. Die Leichtigkeit, mit der die Drei lesen und zwischen drin auch immer wieder kommentieren, überträgt sich auf das erheiterte Publikum. Es ist schwer zu glauben, erzählte einem jemand, dass die Fachwelt lange überzeugt war, Menschen mit Down-Syndrom könnten nicht lesen, geschweige denn schreiben. Es tut gut, dass diese Frage sich gar nicht stellt, ihr im besten Fall mit Humor begegnet wird. Wie wenn am Rande eines mongolischen Festes zwei einheimische Frauen gefragt wurden, ob ihnen das Down-Syndrom bekannt sei. Ja, sagen sie, aber das es in Deutschland als „Mongolismus“ bezeichnet wurden, darüber müssen sie herzhaft lachen und hielten es für einen ausgemachten Scherz.

Mongolisch Ohrenkuss GrenzenlosKultur 6

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Das GRENZENLOS KULTUR Festival in seiner 13. Ausgabe im KUZ, Mainz.

 

Vom 8. bis zum 25.09.2011 im KUZ, Mainz.

Rui Horta/Grupo Dancando com a Diferenca

Bei seiner Gründung 1997 war „Grenzenlos Kultur“ das erste Festival für Kunst von Menschen mit geistiger Behinderung im deutschsprachigen Raum. Auch heute noch gehört die Inklusion behinderter Künstler bei „Grenzenlos Kultur“ zum Selbstverständnis, doch längst ist das Lebenshilfe-Festival weit mehr als das: Es ist eine höchst lebendige Plattform für ungewöhnliche, nicht selten experimentelle, immer auch gesellschaftspolitisch motivierte Kunst- und Theaterformen.

Als Projekt zum Kultursommer-Motto 2011 „Natürlich Kultur“ versammelt „Grenzenlos Kultur“ in seiner 13. Ausgabe Arbeiten, die die vermeintliche „Natürlichkeit“ unserer (westlichen) Leitkultur hinterfragen, unsere vorherrschenden Lebensstile, Wertesysteme und Verhaltensmuster auf die Probe stellen und sich weigern zu glauben, dass die beste aller möglichen Welten bereits entdeckt ist. Denn, wie es bei Kleist heißt, „das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“

Eröffnet wird das Festival mit einer atemberaubenden Choreografie des Portugiesen Rui Horta. Ihr Titel – „Beautiful People“ – ist im doppelten Sinn zu verstehen: als ironische Absage an die Unmenschlichkeit unserer Hochglanzmagazine und als Liebeserklärung an die Schönheit der unperfekten Körper, in der ein durchaus utopischer Moment liegt. Der Gruppe, mit der Rui Horta zusammengearbeitet hat – Dançando com a Diferença aus Madeira – widmet das diesjährige Festival einen eigenen Schwerpunkt.

Kaum etwas eignet sich besser, unserer Zivilisation den Spiegel vorzuhalten, als die Figur des „Wilden“ – der natürlich selbst Produkt und Projektionsfläche dieser Zivilisation ist. Gleich mehrere Arbeiten nehmen ihn zum Ausgangspunkt: In den Vorurteilen, denen die Redakteure von Ohrenkuss nachgehen, ist dieser Wilde wahlweise „mongoloid“ oder mongolisch, in der Kindertheaterproduktion des Theaters an der Parkaue ist er ein Wolf und bei der Berliner Puppenbühne Das Helmi steigert er sich zum Wahnbild des Menschenfressers. Die Performancegruppe Monster Truck lädt die Zuschauer dazu ein, sich in seine Situation – als „Glöckner von Notre Dame“ – zu begeben, als Filmmonster King Kong wird er gleich in drei Variationen unter drei unterschiedlichen Aspekten „angeeignet“, und in der diesjährigen Festivaleigenproduktion „TuiaviiTours Mainz – Die Papalagi-Stadtrundfahrt“ wird der Spieß vollends umgedreht: Die Wilden, die besichtigt werden sollen wie Tiere auf einer Safari, sind wir hier in unserem alltäglichen Lebensumfeld.

Die Compagnie Création Ephémère aus Frankreich beschäftigt sich in „Variations Antigone“ mit unserer viel gepriesenen Handlungsfreiheit und die Produktion „Black Tie“ von Rimini Protokoll mit einem Körper, der in Osnabrück bei deutschen Eltern aufgewachsen ist, obwohl er koreanisch aussieht. Mit dem Baltazar Theater aus Budapest ist erstmalig eine integrative Theatergruppe aus Osteuropa zu Gast bei „Grenzenlos Kultur“. Ganz ohne Worte verstehen sie in ihrer Arbeit „Picasso – Die Erschaffung der Welt“ die Vertreibung aus dem Paradies als Herausforderung, ein Eden jenseits von Eden zu schaffen.

Abgerundet wird das Programm mit zwei Doppelkonzerten, die uns auf ihre Weise dem Paradies ein Stück näher bringen: Mit Richard Bawin und Jim Avignon geben sich zwei eigenwillige Gesamtkunstwerker die Klinke in die Hand, deren Musik neben allen anderen Qualitäten auch noch extrem gut tanzbar ist. Percujam und die 17 Hippies bringen in ihren Konzerten die unterschiedlichsten musikalischen Kulturen unter einen Hut und dann zum Abheben. In diesem Sinne: Tür auf!

 

Bildschirmfoto 2011 09 15 um 18 03 20

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STELLA im Schauspiel Frankfurt.

Die doppelte Persönlichkeit des Schauspielers ist etwas, um dass man im besten Fall weiß, und es ist  durchaus in der Lage zu irritieren, aber meistens jedoch, bekommt man davon nichts mit. Ein Schauspieler ist im Moment des Schauspielens gleichzeitig Produzent und Produkt. Die Körperlichkeit kann er nicht verstecken, soll doch aber im Glauben mancher vollkommen hinter seiner Rolle verschwinden. Was wir sehen ist eine Präsentation, eine Figur, eine Imagination, während die Persönlichkeit des Schauspielers verborgen bleibt.

Was aber – wenn folgendes passiert: der berüchtigte Einbruch der Realität.Wie passiert in Frankfurt, in einer Vorstellung von Stella.Die Verhältnisse sind aufgedeckt, die Ménage-à-trois liegt in der Luft, es wird gekämpft und verzweifelt, und Stella in der Erscheinung von Valery Tscheplanowa fängt an zu flimmern, als ein kleines, aber besonders Wort gesprochen wird, das man im Theater äußerst selten zu hören bekommt: Text!

Die Souffleuse gibt den Einsatz, Tscheplanowa spricht weiter und Stella kommt zurück. Der Moment der Irritation, der nur sehr selten vorkommt. Und während der Moment vergessen wird, wiederholt er sich noch ein paar Mal. Die Figur der Stella ist in diesem Augenblick des Stückes an einem Punkt, an dem sie mit Worten nach Luft ringt. Sie ist in Ekstase, sie ist verzweifelt, sie sucht nach antworten, sie will nicht nicht einfach für wahr halten und doch an das glauben, was ihr widerfährt.

Vermeintlich fällt Valery aus Stella heraus. Das Paradox der zwei Persönlichkeiten konnte leichtfertig ignoriert werden, nun aber ist sie nicht auszublenden – die Schauspielerin. Was macht das mit Stella, ist sie verschwunden?

Man meint zu sehen, wie Valery Tscheplanowa sichtlich entrüstet ist von ihrer Panne und wie sie versucht, sich wieder in ihre Rolle, in die Ekstase zu bringen. Am Schoß von Fernando kniend, nimmt dieser sie in die Arme und versucht sie zu besänftigen. Versucht Fernando Stella zu beruhigen, an einer eigentlich suspekten Stelle dafür, oder versucht Marc-Oliver Schulze Valery Tscheplanowa zu beruhigen, weil sie vielleicht zu energisch auf die Panne reagiert?

Sie steht auf. Sie spricht mehr Worte über eine leidenschaftliche Verzerrung, wieder fragt sie nach Text, die Souffleuse gibt Worte rein. Sie kommt an die Rampe, mit geschlossen Augen gräbt sie sich in ihren Worte, schluchzt und schreit und spuckt sie heraus, als würde jedes Wort schmerzen, als wollten die Worte gar nicht heraus. Als müsse der eigene Körper überwunden werden. Bewegung, um der Anspannung zu entkommen, ein wie elektrisierter Körper. Dann verlässt sie die Rampe und kniet vor der ersten Reihe, vor der Souffleuse, nah an den Worten die Hände auf  Boden gestützt und nach Luft ringend. Sie sitzt im halbdunkel, kein Scheinwerfer, der sie an dieser Stelle noch erwischt. Sie steht auf und bewegt sich taumelnd zurück zu Rampe. Mir ist schwindelig, mir ist so schwindelig, sagt sie.

Sie setzt sich auf die Rampe und verstummt langsam. Mir ist so schwindelig. Ein kurzer Moment der Ruhe, ein kurzer Moment, um aus dem Staunen zu kommen, und die innere Spannung abzubauen.

Wer ist sie? Sie, dich nach Luft ringt und sagt, ihr sei schwindelig. Beiden Persönlichkeiten nehmen wir die Aussage ab. Stella sowie auch Valery. Es liegt ein unheimliches Knistern in der Luft, weil man zunächst nicht weiß, was es eigentlich war, was man erlebt hat. Das vielleicht zufällige Auftreten einer Panne in einer dafür dramaturgisch hervorragend geeigneten Stelle, bewirkte eine unheimliche Symbiose. Während man sich unsicher wird, wenn man zuhört und wem schwindelig ist, verflüchtigt sich die Frage danach allmählich in dem Verschwinden beider Persönlichkeiten in einen einzigen Akt der Transformation, welcher letzten Endes ein umso stärkeres Bild der Stella produziert. Der Riss der Illusion, den die Panne zunächst produziert, wird gerade durch den doppelten Boden, der Verzweiflung der Valery, die der Stella so sehr ähnelt, wieder hergestellt und bindet sich durch die vermeintlich reale Untermalung umso mehr in unser Verständnis.

Es mag eine Methode sein, den fehlenden Text zu überspielen und den kommenden wieder in den Körper zu bekommen. Es bleibt aber ein Riss in der sich in Sicherheit geglaubten Wahrnehmung der Zuschauer. Wenn man sich darauf einlassen wollte, auf das Spannungsfeld der Unsicherheit, dann war es möglich soweit in Bann versetzt zu werden, dass einem möglicherweise gar der Atem stockt.

Valery scheint schließlich ganz verschwunden zu sein, sie kommt nicht zum Schlussapplaus, während die Kollegen beim Verbeugen noch ein Teil ihres (oder Stellas) Kostüms hochhalten. Stella oder Valery: wer spielt wen und wer verschwindet hinter wem?

Großartig sind sie, diese unkontrollierbaren Momente, ob gespielt oder wahrgenommen. Das versteht sich als Plädoyer für die Panne, für den Einbruch. Für den Zauber der Ekstase, dem jedes Mittel recht sein sollte. Der dankbar ist für Momente wie diesen.

Stella

Link: Stella. Ein Schauspiel für Liebende.

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Tartuffe im Schauspiel Frankfurt, Premiere vom 17.04.2010
Regie: Staffan Valdemar Holm

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Wie ist es um die Aktualität von Dramatischen Stücken bestellt? Gibt es so etwas überhaupt, eine Aktualität? Ist es nicht immer eine aktuelle Betrachtung von etwas nicht mehr Aktuellem, ja beinahe zwangsläufig eine Historisierung, eine Ausstellung, so wie man ein Gemälde in einer Kunstgalerie ausstellt? Kann man so auch Dramen ausstellten? Am Beispiel Tartuffe von Moliere lässt sich in der Inszenierung von Staffan Valdemar Holm keine Aktualisierung des Dramas wahrnehmen, aber darum ging es ihm sicherlich auch nicht, und wem geht es überhaupt darum? Aber was wäre wenn… dann hieße es, etwas zu produzieren, dass die Menschen in ihrer Sensibilität zu geistigen, zu kirchlichen, zu moralischen Fragen derart aufstößt, dass jene Produktion verboten wird. So wie es im 17. Jahrhundert passierte. Aber wie soll man sich dass den vorstellen? Roland Koch erlegt wie einst Ludwig XIV. ein Verbot auf die Inszenierung und man darf den Holm nicht mehr aufführen? Das klingt realitätsfern und ist es auch, denn Kunst darf mittlerweile beinahe alles und immer steht die künstlerische Freiheit Spalier, es ist schwierig mal anzuecken. Sicherlich ist eine Welt in der nicht alles beliebig ist und es noch Reibungspunkte gibt, eine reizvolle, aber die aktuelle gewöhnt sich sehr schnell an alles. Was nun gut, was schlecht, was heilvoll, was unheilvoll ist, das zählt wahrscheinlich nicht einmal. Ist es alles so eindeutig wie Tartuffes zu entdeckende wahre Besinnung?
Hier in Frankfurt vielleicht. Man merkt Holm seinen schwedischen Hintergrund an, kaum öffnet sich das erste Bild, meint man in einen Bergmann Film geworfen zu sein. Ein riesiges Salonzimmer in gedeckten Farben, dezent von einem Kronleuchter in Licht geworfen,ein großer schwarzer Flügel. Und da stehen sie alle und haben zunächst nichts zu sagen, singen noch mehr oder weniger zu den Klängen des Pianos. Dann fangen sie an zu sprechen, musikalisch, überbetont fast singend bringen sie Verse zum Leben. Amüsant ist es, belustigend, auch wenn man (auch ohne den Text zu kennen) ahnt, dass ein Jeder bereits verloren hat. Die Bourgeoisie wird an der Nase herumgeführt… das aber ist so lustig, das es keinem auffällt.
Dann ist da noch Josefin Platt, die in der Rolle der Zofe wieder einmal beweist, das alte Damen immer noch die Schau stehlen können. Als einzige scheint sie alles zu überblicken, versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist und resigniert schließlich am Ende als erste, da sie merkt, dass es vorbei ist. Sind es immer die Kleinen, die Angestellten und die vermeintlich Unwichtigen, die alles zusammen halten könnten, wenn man ihnen nur mal Gehör schenken würde?
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Sarkastisch endet alles, als Wolfgang Michaels Tartuffe in seinem letzten Satz mit einer schwingenden Siegerfaust verkündet, dass am Ende schließlich doch noch die Liebe gesiegt habe. Wer es glaubt, wird selig. Aber wir haben ja gelernt: „Ist wenn man etwas schlechtes tut, die Absicht rein, dann ist die Sünde halb so klein.“ Bei diesem Satz verfliegt dann jegliche Ironie und man muss über Aktualitäten nicht mehr nachdenken. Amüsant.

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Tartuffe im Schauspiel Frankfurt

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Bleib mein schlagendes Herz in den Kammerspielen Frankfurt

Regie Daniela Löffner, Premiere am 13.03.2010

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Die jungen Schauspieler im dritten Jahr der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sind wieder dran sich zu präsentieren. Dieses Mal in den Kammerspielen und mit einem Text, den die Autorin Juliane Kann den jungen Menschen „auf den Leib geschrieben hat“. Was das wohl bedeuten mag. Bleib mein schlagendes Herz, ein Text über junge Menschen in verschiedensten Momenten der scheinbaren Krise. Das Leben ist noch jung, aber die Gedanken sind bereits beim Ende. Die fangen bereits an zu resümieren. Da ist zum Beispiel Lucy, ein wandelndes Krankenhaus mit Sauerstoffkoffer und Stützstrümpfen. Oder Tilman: schreibt lächerliche Schlager, die er selbst langsam nicht mehr hören kann, aber zumindest haben sie eine notgedrungene Komik an sich. Danka: keine Aufenthaltsgenehmigung, ständig am Telefon  zu Umfragezwecken. Und Julischka ist eine Prostituierte, die Tierfantasien bedient, in dem sie miaut und bellt. Wie ist da „auf den Leib geschrieben“ gemeint? Hoffentlich recht differenziert. Nein, so gemeint, wie vielleicht gedacht, ist es nicht. Verstanden als: Spielwiese oder Spielgerät, das schauspieltechnisch gut passt. Klagen und im selben Moment flirten, sich ausscheißen und im selben Moment auf jemanden zugehen, das sind Momente, in den der Leib sich spielend gut aufgehoben fühlen mag. Das Bühnenbild dagegen könnte den Eindruck vermitteln, als wolle es Steine in den Weg legen: große, schmale Podeste, die bis zur Decke ragen, angeordnet wie eine Treppe, eine sehr holprige, ein Abgrund zum Bühnenrand und wenig Platz für große Bewegungen. Ein offener Käfig, eine Austellung wie auf einer Losbude. Die jungen Schauspieler wissen damit umzugehen, aber was wäre, wenn sie mehr Platz gehabt hätten, um ihn zu bespielen. Hier sieht es aus, als wäre das als Kommentar zum Text zu verstehen. Das es nicht viel Platz für Ausflüchte geben kann, dass die gedachte Auswegslosigkeit auch eine formelle ist. Was fehlen mag ist ein Gedanke nach vorne, ein Ausweg. Die Inszenierung bleibt hier Konsequent: die jungen Schauspieler haben viel Energie und Freude, aber werden von der Inszenierung geschluckt und übrig bleibt nicht viel Utopie sondern mehr die Resignation an eine Generation die vermeintlich schon mit Mitte Zwanzig eine Lebenskrise hat.

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Immer wieder suchen die Blicke der jungen Menschen direkten Blickkontakt mit den Zuschauern. Um zu flirten, um zu beobachten, um mitleidig zu verwirren und um anzüglich zu sein. Es beeindruckt umgemein, wie wandlungsfähig die Gesichter den Abend über sind. Wie sehr sie den zu Teil doch zu bekannten Text mit Leben fühlen. Trotz des wenigen Raumes entfalten sie sich. Tragen sich zumindest mit Blicken zu uns hinaus, verspielt und fragend, auch wenn sie wahrscheinlich wissen, dass sie nicht weg kommen werden. Es sieht aus, dass man ihnen zumindest das Träumen nicht nehmen konnte. Es sieht aus, als könne unsere Quartelife-Crisis-Generation zumindest noch träumen. Als wäre Hoffnung etwas, das sie druchdringt. Aber wann hört die Hoffnung auf und wann fängt das Machen an? Das ist schwierig, wenn man so eingesperrt wird.

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Bleib mein schlagendes Herz

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