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Grenzenlos Kultur Donnerstag 15.09.

MONSTER TRUCK

Der Glöckner von Notre Dame

GloecknerVonND GrenzenlosKultur

In Gruppen zu fünf Personen werden wir in den Saal gebeten. Von einem Ritter bekommen wir schalldichte Kopfhörer, die per Funk mit Musik bespeist sind. Sie sind an eine Schubkarre gebunden, die wir im Folgenden vor uns her schieben müssen, während wir ununterbrochen im Kreis durch den Raum pilgern. In der Mitte des ansonsten leeren Raumes steht eine vier mal fünf Meter große und einen knappen Meter tiefe Wand, vielmehr ein schmaler Kasten, aus verputzen Rigipsplatten. Auf einer Längsseite ragen auf dem Boden Gipsbeine aus der Mauer, während auf der anderen Seite ein ganzer Mensch aus Gips am oberen Ende klebt, mit dem Kopf nach unten, als habe man ihn aufgehängt. Der Saal ist gefüllt und wir bewegen uns in einem großen Ring aus Menschen und Schubkarren um die Wand herum. Kindlich verstellte Stimmen begrüßen uns über die Kopfhörer. Fünf Namen stellen sich vor und erklären, welchen Part sie beim Glöckner von Notre Dame übernehmen werden. Manuel beispielsweise will unbedingt der Ritter sein, da er das früher in der Schule schon einmal wollte, aber letztlich den Glöckner spielen musste. In dieser fröhlich, naiven Stimmung geht es weiter im Kreis. Dann werden auf beide Seiten der Mauer Ausschnitte aus Verfilmungen der Geschichte projiziert und darauf aufmerksam gemacht, dass doch eigentlich Notre Dame die Hauptfigur ist und nicht der Glöckner. Auch die Geschichte wird schnell rekapituliert. Immer weiter im Kreis, ansonsten gibt es eine Ermahnung vom Ritter.

Schließlich wird die Verfilmung mit Gina Lollobrigida und Anthony Quinn gezeigt, von Anfang an. Die Stimmen im Ohr sind verschwunden, es ist nur noch der Originalton des Films zu hören. Wir drehen uns weiter im Kreis herum, als auf beiden Seiten der Mauer das Leben anfängt zu toben. Es klopft, ein Finger dringt aus der Wand. Aus einem anderen Loch streckt sich eine Hand, reicht einer weiteren Hand einen Eimer voll Kleister. Durch tiefere Löcher wird der Eimer weiter gereicht. Die Gipsbeine fangen an sich zu bewegen ein in einem weißen Maler-Overall verkleideter Performer befreit sich aus der Mauer. Aus der Wand fallen Gipsrollen. Augen schauen aus der Wand, eine Zange kommt zum Vorschein, die rabiat an der Vergrößerung des Lochs arbeitet. Eine Performerin versucht, ihren Kopf herauszustrecken. Über einem Motorradhelm trägt sie eine Perücke mit langem, gelocktem Haar. Die Mauer wird mit Gipsrollen und Kleister wieder geflickt, aus neuen Löchern erscheinen weitere Gegenstände. Eine Klingel schaut heraus und wird geläutet. Ein Mikrofonständer, darauf ein Mikrofon und anschließend nach und nach gelb blinkende Bauleuchten verlassen die Mauer, in einem Halbkreis wird alles aufgestellt. Ein anschwellender Bass wummert aus den Lautsprechern im Saal, eine unverständliche Mischung aus Baulärm, Glocken und Flugzeuggeräuschen. Esmeralda steht in einem langen, dunkelroten und mit Stehrock versehen Kleid an der Mauer. Hände sprühen ihr Haarlack auf die Perücke. Mit dem Ritter posiert sie wie ein Brautpaar.

Esmeralda wird majestätisch auf einer Schubkarre im Kreis gefahren. Zwischen den Bauleuchten umgarnen und umarmen sie sich. Ihm wächst ein Buckel, immer größer. Ein Priester ist aus der Wand gekrochen. Quasimodo reicht Platten nach draußen, der Priester vernagelt die Löcher damit und schließt Quasimodo wieder ein. Musik ertönt durch Lautsprecher und Kopfhörer, Esmeralda Dance me to the end of love. Ein beinah unhörbare Stimme macht daraus ein Duett. Der Zug aus Schubkarren kommt zum Erliegen. Die Performer verlassen den Raum und ziehen um das Gebäude, gefolgt vom Publikum, bis es sich langsam auflöst. In der Ruhe nach dem Sturm schmerzen die Beine. Fragen kommen auf, ob der vielen Eindrücke erscheinen sie aber nicht wichtig. Bisweilen überfordert und bisweilen gefesselt, so dass man regelrecht alles um sich herum vergaß, war man abgetaucht an einen seltsamen Ort. Wo immer dieser Ort auch gewesen sein mag.

GloecknerVonND GrenzenlosKultur

 

Weitere Infromationen unter:

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Das GRENZENLOS KULTUR Festival in seiner 13. Ausgabe im KUZ, Mainz.

 

Vom 8. bis zum 25.09.2011 im KUZ, Mainz.

Rui Horta/Grupo Dancando com a Diferenca

Bei seiner Gründung 1997 war „Grenzenlos Kultur“ das erste Festival für Kunst von Menschen mit geistiger Behinderung im deutschsprachigen Raum. Auch heute noch gehört die Inklusion behinderter Künstler bei „Grenzenlos Kultur“ zum Selbstverständnis, doch längst ist das Lebenshilfe-Festival weit mehr als das: Es ist eine höchst lebendige Plattform für ungewöhnliche, nicht selten experimentelle, immer auch gesellschaftspolitisch motivierte Kunst- und Theaterformen.

Als Projekt zum Kultursommer-Motto 2011 „Natürlich Kultur“ versammelt „Grenzenlos Kultur“ in seiner 13. Ausgabe Arbeiten, die die vermeintliche „Natürlichkeit“ unserer (westlichen) Leitkultur hinterfragen, unsere vorherrschenden Lebensstile, Wertesysteme und Verhaltensmuster auf die Probe stellen und sich weigern zu glauben, dass die beste aller möglichen Welten bereits entdeckt ist. Denn, wie es bei Kleist heißt, „das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“

Eröffnet wird das Festival mit einer atemberaubenden Choreografie des Portugiesen Rui Horta. Ihr Titel – „Beautiful People“ – ist im doppelten Sinn zu verstehen: als ironische Absage an die Unmenschlichkeit unserer Hochglanzmagazine und als Liebeserklärung an die Schönheit der unperfekten Körper, in der ein durchaus utopischer Moment liegt. Der Gruppe, mit der Rui Horta zusammengearbeitet hat – Dançando com a Diferença aus Madeira – widmet das diesjährige Festival einen eigenen Schwerpunkt.

Kaum etwas eignet sich besser, unserer Zivilisation den Spiegel vorzuhalten, als die Figur des „Wilden“ – der natürlich selbst Produkt und Projektionsfläche dieser Zivilisation ist. Gleich mehrere Arbeiten nehmen ihn zum Ausgangspunkt: In den Vorurteilen, denen die Redakteure von Ohrenkuss nachgehen, ist dieser Wilde wahlweise „mongoloid“ oder mongolisch, in der Kindertheaterproduktion des Theaters an der Parkaue ist er ein Wolf und bei der Berliner Puppenbühne Das Helmi steigert er sich zum Wahnbild des Menschenfressers. Die Performancegruppe Monster Truck lädt die Zuschauer dazu ein, sich in seine Situation – als „Glöckner von Notre Dame“ – zu begeben, als Filmmonster King Kong wird er gleich in drei Variationen unter drei unterschiedlichen Aspekten „angeeignet“, und in der diesjährigen Festivaleigenproduktion „TuiaviiTours Mainz – Die Papalagi-Stadtrundfahrt“ wird der Spieß vollends umgedreht: Die Wilden, die besichtigt werden sollen wie Tiere auf einer Safari, sind wir hier in unserem alltäglichen Lebensumfeld.

Die Compagnie Création Ephémère aus Frankreich beschäftigt sich in „Variations Antigone“ mit unserer viel gepriesenen Handlungsfreiheit und die Produktion „Black Tie“ von Rimini Protokoll mit einem Körper, der in Osnabrück bei deutschen Eltern aufgewachsen ist, obwohl er koreanisch aussieht. Mit dem Baltazar Theater aus Budapest ist erstmalig eine integrative Theatergruppe aus Osteuropa zu Gast bei „Grenzenlos Kultur“. Ganz ohne Worte verstehen sie in ihrer Arbeit „Picasso – Die Erschaffung der Welt“ die Vertreibung aus dem Paradies als Herausforderung, ein Eden jenseits von Eden zu schaffen.

Abgerundet wird das Programm mit zwei Doppelkonzerten, die uns auf ihre Weise dem Paradies ein Stück näher bringen: Mit Richard Bawin und Jim Avignon geben sich zwei eigenwillige Gesamtkunstwerker die Klinke in die Hand, deren Musik neben allen anderen Qualitäten auch noch extrem gut tanzbar ist. Percujam und die 17 Hippies bringen in ihren Konzerten die unterschiedlichsten musikalischen Kulturen unter einen Hut und dann zum Abheben. In diesem Sinne: Tür auf!

 

Bildschirmfoto 2011 09 15 um 18 03 20

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DIE FREUNDLICHE LÄRMMASCHINE: Eine (Theater)Performance, die ihrer Mittel bewusst, durch zu viel versucht das wenige zu finden, das vielleicht heraussticht, vielleicht übrig bleibt, oder ebenso eingeht. Eine Rede, für oder wider, eine Anklage, ein Lob, ein Hin und her, oder doch nur im Kreis. Bild gegen Stimme, Stimme gegen Ton. Keiner gegen irgendetwas. Was steht dahinter? Ist Information hilfreich oder Ablenkung? Was ist hinter der Frage. Wie kann man sich einmischen ohne dann ebenso mit drin zu stecken? Hydrotikum sind zwei junge Menschen aus Mainz, die sich der Mittel des Performancetheaters bedienen, um in Bildern und Tonwelten nach anderen Betrachtungsmöglichkeiten und Zufällen zu suchen, in der Absicht, irgendwann auf die richtige Frage zu stoßen.

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