Es scheint nur noch eine Sache auf dieser Welt zu geben, die sittlich und ehrlich ist: Die Prostitution. Denn entgegen allem anderen ist ganz ersichtlich, worum es geht. Man verkauft sich und ein anderer bezahlt. Eine klare Sache, offen und direkt. Vieles anderes mag man ebenso der Prostitution zuschreiben, aber es verhält sich dem entgegen immer noch versteckt und versucht sich nicht zu erkennen zu geben, macht zudem auch noch Spaß oder ist gesellschaftlich anerkannt. Man spiele mal den Gedanken durch, sich der Prostitution hinzugeben, was bei den meisten sehr schnell zu beantworten scheint und dann spiele man mal den Gedanken durch, ob man sich nicht bereits prostituiert. Und das lässt sich dann sicherlich anderes auslegen und erklären. Mit Ehrlichkeit hat es zu tun?
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In Europa werden zunehmend an Universitäten und Hochschulen durch Studenten Hörsäle besetzt. So nun auch in Mainz geschehen. Sie besetzen einen Raum im Atrium Maximum. Wie sehr diese Form des Protestes ankommt, zeigt die Reaktion des Präsidenten, der darum bittet, doch einen anderen Raum zu besetzten, um wichtige Veranstaltungen nicht zu stören. Das klingt ganz nach der Zustimmung des Präsidenten zur Besetzung und es bestätigt sich, als es heißt, dass er die Aktion dulde. Das klingt nach einem Alptraum: Protest wird geduldet. Wenn der Nachbar wieder mal Sonntag morgens seine Flaschen im Hof in den Container wirft, na gut, das kann man dulden. Aber wenn man etwas grundlegend verändern will und man mit versuchten radikalen Methoden g e d u l d e t wird, dann kann etwas nicht stimmen. Kann es sein, dass Protest in seiner bekannten Form nicht mehr funktioniert? Weil es vielleicht einerseits eine kalkulierte Möglichkeit ist oder anderseits einfach schon bekannt ist, als dass man noch überrascht wäre. Es scheint schon zu sehr dazuzugehören, zum allgemeinen Schaffensprozess von Institutionen. Man kann es vielleicht modern einen Schutz von Minderheiten nennen, wenn man die Leute protestieren lässt, und sie dabei am besten auch noch unterstützt. Wir wollen ihnen keine wirklichen Steine in den Weg legen, sonst werden sie tatsächlich noch radikal. Das ist die Demokratisierung: Solang nicht mindestens mehr als die Hälfte aller aufsteht und Veränderungen fordert, wird sich nichts ändern. So lange kann man die wenigen, die sich beschweren, machen lassen, denn man wird sie eher belächeln. In Mainz allein gibt es gut 34.000 Studenten. Zu einer Demonstration kommen vielleicht sogar noch eine Handvoll Leute, aber wenn es darum geht, sich wirklich laut zu machen, bleiben die meisten lieber stumm. Aber warum? Weil sie sich vielleicht doch nicht zu beklagen haben, weil sie es nicht besser wissen oder weil sie Angst haben, oder keine Lust? Am häufigsten kommt das Argument, dass man eh nichts ausrichten kann. Als Einzelner kann nichts machen, also als Einzelner lieber weitermachen wie bisher. Wenn wir eine kleine Gruppe von Menschen haben, die auf die Barrikaden geht, fällt es leicht, ihr ein spezielles Interessentum vorzuwerfen. Warum soll man etwas ändern, wenn nur eine Minderheit eine Änderung fordert? Und wenn die Forderungen doch Sinn machen, warum nicht für sie eintreten? Es gibt verschiedene Möglichkeiten: die Forderungen machen keinen Sinn oder sie machen Sinn und keiner weiß davon oder will davon wissen, etc. Wenn selbst das Protestieren nichts mehr hilft, weil es mit zum System gehört, wie will man dann noch protestieren? Ist es denn wirklich alles so grau in grau, dass man noch nicht mal mehr überhaupt einen Feind hat, bzw. sich diesen permanent erschaffen muss/müsste. Wenn d i e Studierenden nicht wollen, warum dann für sie kämpfen? Denn wenn sie wollen würden, könnten sie vieles ändern. Nur gibt es kein S i e . Es gibt nur Individuen. Und als Individuum hat man einen schweren Stand. Aber als Gemeinschaft hat man die nötige Kraft. Nur wird es eine solche Gemeinschaft nie geben. Wie will man 34.000 Menschen auf einen Nenner bringen und wie will man 34.000 Menschen dazu bringen, sich für etwas stark zu machen was vielleicht nur 10.000 wirklich sichtlich helfen würde. Man stelle sich vor, eine gesamte Studierendenschaft nutzt die größte Macht, die sie hat: ihr Studienplatz. Man stelle sich vor 34.000 Studenten exmatrikulieren sich gemeinsam, weil sie sagen: diese Umstände wollen wir nicht länger tragen. Wir zahlen der Uni keine Gebühren mehr und unserer Studienplatz bringt auch keine Staatsförderung mehr, weil es ihn nicht mehr gibt. Wie lange will sich eine Uni erhalten, wenn sie keine Studenten mehr hat. Wer geht dann vielleicht auf wen zu. Aber wie sollte es dazu kommen? Das ist ja zu radikal, zu utopisch. Schon gar nicht ökonomisch, denn schließlich sind wir schon zu angepasst und nach allem wollen wir immer noch einen Abschluss machen können. Ist das so? Es wäre sehr traurig, wenn die Zustände an den Universitäten wirklich untragbar geworden sind, und nichts passiert. Das W i r könnte als solches etwas unternehmen. Aber das W i r guckt größtenteils lieber zu und scheint zufrieden.
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Im Schauspiel Frankfurt gibt es einen neuen Spielort: die Box. Unter anderem zum Experimentieren, wie es heißt. Die Premiere zu Schimmelpfennigs M.E.Z. Ein Ein-Frau Stück. Sie steht in dem kleinen, intimen Raum, nur ihr rechter Arm ist frei, ihr Körper ist schwarzem Klebeband drangsaliert. Ein Scheinwerfer, 66 Menschen im Publikum und Schimmelpfennigs Dialektik der Wiederholung auf die Spitze getrieben. In unterschiedlichster Sprechweise die Geschichte einer Frau und ihre Erinnerungen an einen Mann, der nicht mehr da ist. Versatzstücke, die sukzessive in ihren Kontext gerückt werden und wieder nicht. Eine Stimme, der man ewig zuhören möchte, anfangs verraucht, verführerisch; zur Unterbrechung ein paar mal die Durchsage, dass bald die Lichter ausgehen werden und man die Fahrstühle nicht mehr benutzen soll. Dann ist es auch so weit. Eine Dame im Publikum hält es schon länger nicht aus, das ewige Wiederholen. Aber sie bleibt dennoch sitzen. Man kann den Sätzen immer wieder lauschen, sie scheinen nicht entgleiten zu wollen. Hör endlich auf damit, schreit sie ins Publikum, und die Dame antwortet mit einem trockenen Ja! Und die Geschichte geht wieder von vorne los. Dann gehen tatsächlich die Lichter auf der Bühne aus um im Zuschauerraum an; die Aufforderung zu gehen, der Text spiegelt mittlerweile auch das Verlassen des Theater-Raumes wieder. Einige gehen, andere versuchen zu klatschen, beides scheint nicht recht zu gelingen und auf der Bühne wird einfach weiter gesprochen, bis sich der Saal zu leeren scheint, aber man will nicht gehen. Das ging mit dir gerade noch, aber auch nur so gerade: du bestellst noch was und ich fange an. Die Geschichte immer wieder weiter, bei offener Tür. Verständnisloses Gesicht der Regieassistentin in die Box hinein. Ist das Konzept nicht aufgegangen? Von der Bühne immer wieder Versatzstücke, nun mal geweint, mal nur geschrien, dann Geflüster; ein Repertoire des Verjagens? Wer hat den längeren Atem, wer das längere Sitzfleisch? Man lässt sich nicht beeindrucken, die Premierenfeier muss wohl ohne Schauspielerin und ohne ein paar Gäste stattfinden. Ein interessanter Moment, der einen im Unklaren lässt, hat die Realität bereits Einbruch gefunden, oder ist alles inszeniert? Dann redest du leise auf mich ein und nach ca. zehn Minuten hat die Sache ein vorübergehendes Ende. Zehn Minuten, das ist ein Internationaler Standard. Internationaler Standard. Kommt noch was? Ab und zu Text, der neu ist. Vor der Box schon die Beratschlagung. Anscheinend nicht alles geplant oder nicht vorhergesehen. Lässt man noch laufen? Bricht man ab? Hält man die Nacht durch? Muss man die Schauspielerin erlösen? Wahnwitzige Metamorphose der Schauspielern und ihrem Beruf in eine Situation ihrer Rolle, die das verbleibende Publikum an sie bindet. Zu offensichtlich, doch zu unklar, ein spannender Moment. Wer hat die Initiative, gab es eine solche überhaupt. Doch was wie ein Experiment aussah und gerade einmal die im Programmheft angegeben Stunde um 30 Minuten überschritten hatte, wurde schließlich vom Intendanten des Hauses abgebrochen. Die Dame vom Anfang, sie kam zuvor immer wieder zurück, sah, dass man die Schauspielerin nicht länger hinhalten dürfe, schaute auch mal finster ins verbliebene Publikum. Bis dann der Intendant sich in die erste Reihe stellte, einen Satz an die Schauspielerin verlor und man anschließend klatschte. Vorbei das Experiment, beendet nicht durch das Schauspiel, nicht durch den Entschluss zu gehen, sondern die Macht des Intendanten. Schließlich will man an einem Premierenabend auch mal Champagner trinken und das Publikum will nicht eher gehen, bis alles vorbei ist und man klatschen durfte. Hättest mich ruhig nochmal heimlich küssen können und draußen so tun, als ob nichts gewesen sei.
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„Entschuldigen Sie, haben sie die Krise gesehen?“
„Welche Krise denn?“
„Die große Krise, die zur Zeit herrscht. DIE Krise.“
„Ja, d i e Krise. Nein, wüsste nicht wo ich die gesehen haben sollte. Nein, ich hab sie nicht gesehen.“
„Sind sie denn betroffen?“
„Von der Krise? Nein. Ich bin nicht betroffen.“
„Kennen sie denn jemanden, der betroffen ist?“
„Unmittelbar? Nein, ich kenne niemanden, der davon betroffen ist.“
„Aber irgendjemand muss doch betroffen sein. Schließlich ist es die schlimmste Krise, die die Kanzlerin jemals erleben durfte.“
„Es gibt bestimmt, jemanden der davon betroffen ist. Hier, die sozial Schwachen. Oder so. Ja, die sind bestimmt nicht gut dran.“
„Aber gesehen haben sie die Krise wirklich nicht? Das kann doch nicht sein, dass man so eine große Krise nicht wenigstens mal kurz zu Gesicht bekommt.“
„Nein, tut mir leid, ich habe nichts gesehen.“
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Universität, du bist wie das Universum, so groß, man meint sich nur verlaufen zu müssen. So große Weiten, bis es dann knallt, ein neues Forschungsgebiet dir entspringt wie ein neuer Planet, ein neuer Gedanke, um diesen sich dann für ewige Zeiten alles herum dreht. Beständig im Kreis, und man mag sich der Anziehung auch nicht entlocken. Ein neuer Gedanke wäre schön, aber ein Knall nicht absehbar und viele Runden sind noch zu kreisen um den Planeten Publizierte Schrift.
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EIN EIGENWILLIGER AUTOR: „Ein Autor, der nur ein einziges Theaterstück geschrieben hat, das nur ein einziges Mal auf dem, seiner Meinung nach besten Theater der Welt und genauso seiner Meinung nach nur von dem besten Inszenator auf der Welt und genauso seiner Meinung nach nur von den besten Schauspielern auf der Welt aufgeführt werden durfte, hatte sich schon bevor der Vorhang zur Premiere aufgegangen war, auf dem dafür am besten geeigneten, aber vom Publikum überhaupt nicht einsehbaren Platz auf der Galerie postiert uns sein eigens für dessen Zweck von der Schweizer Firma Vetterli konstruiertes Maschinengewehr in Anschlag gebracht und nachdem der Vorhang aufgegangen war, immer jedem Zuschauer einen tödlichen Schuss in den Kopf gejagt, welcher seiner Meinung nach, an der falschen Stelle gelacht hat. Am Ende der Vorstellung waren nur noch von ihm erschossene und also tote Zuschauer im Theater gesessen. Die Schauspieler und der Direktor des Theaters, hatten sich während der ganzen Vorstellung von dem eigenwilligen Autor und von dem von ihm verursachten Geschehen, nicht einen Augenblick stören lassen.“ (T. Bernhard)
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… wenn man eine Kultur für sich entdeckt hat. Stell dir einen 4/4 Takt vor, schnell genug um nicht stehen zu bleiben und dazu eine unruhige Stimme die dich im ersten Moment vielleicht nicht all zu sehr mag.
„Selbstgespräch“Ich kann dich nicht verstehen, dich und deine Vorstellungen Und Ideen/ aus den nie Taten entstehen/ Es scheint als spielst du eine in ihrem Sinne umgekehrte Sendung/ Nach innen verschlossen und mit einer verkehrten Wendung/ Du redest nicht viel und bemängelst das bei anderen/ Kritisierst aber ignorierst deine eigenen Schandtaten/ Missverständnisse lassen auch gegenseitig verstören/ Und du kapierst dass viele ihrer Fehler auch zu den deinen gehören/ Denn Fehler von anderen wist du irgendwann auch in dir entdecken/ Und vielleicht den Grund begreifen des in sich Versteckens/ STOP, bitte lass immer Ruhe in dir kreisen/ Aber bewahr dennoch Energie wie in einem heißen Eisen/ Öffne deine Augen und hör auf jeden Scheiß zu glauben/ Nutz jeden Moment und lass dir keine Zeit mehr rauben/ Ver- und erarbeite die Dinge nicht nur im Kopf sondern auch/ Nach Außen sonst staut es sich auf und eskaliert, was keinen Wundern braucht/ Wunder gibt es nicht und Menschen können nicht zaubern/ Darauf Hoffen und dann Klarheit sehen könnt dich erschaudern/ Nimm al deine Kraft und fang an mit dir selbst zu kämpfen/ Um deinen Geist nicht zu bremsen und Fortschritt nicht zu dämpfen/ In kritischen Situation musst du Zähne zeigen/ Dich zusammenreißen und Fehler vermeiden/ Wer kann dir helfen, wen nicht du selber/ Überschau schlechte Ereignisse, auch du wirst älter/ Soviel ist möglich, wenn denn Taten folgen/ Einige machen auch was, weil sie nicht mehr warten wollten/ Es liegt an dir selbst, Ideen zu verwirklichen/ Aufzustehen und sich zu erheben von dem Üblichen/ <<REDE NICHT SO VIEL, TU ENDLICH WAS. BEWEG DEIN´ ARSCH. DU WEIßT WAS ICH MEIN´.DU SOLLST ENDLICH AUFSTEHEN… AUSTEHEN!!!>>
Wäre es nicht manchmal hilfreich wieder in dem Enthusiasmus zu schwimmen den man in der Jugend noch hatte? „Ich versteh nicht viel und mich versteht auch niemand, aber ich werde sagen, was mir in den Kopf kommt“. Man kann es als Dilemma bezeichnen, dass wir bereits zu viel wissen. Wo ist die Naivität geblieben, die nicht nach dem Warum sondern nur nach dem Wie und Wann wenn nicht jetzt fragt? Wir haben das Gefühl vermittelt bekommen, wir könnten es nicht besser wissen. Aber was wenn wir einfach mal anfangen etwas anderes zu behaupten?
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von Paul Thiry d´Holbach
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<Aus Mangel an Phantasie erleben die meisten Menschen nicht einmal ihr eigenes Leben, geschweige denn ihre Welt. Sonst müsste die Lektüre eines einzigen Zeitungsblattes genügen, um die Welt in Aufruhr zu bringen. Es sind also stärkere Mittel nötig. Eins davon ist das Theater. >
Aus: Erwin Piscator: Das Programm der Piscatorbühne. No. 1, September 1927
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